Zitat: Da kam nochmal was zurück auf Deine Frage...
Eine Frage habe ich nicht gestellt (allenfalls eine rhetorische), sondern eine Meinung vertreten. Langsam bin ich die Diskussion mit einem Unbekannten auf diesem Niveau auch leid, aber ich möchte doch noch ein letztes Mal antworten.
Zitat:Was verbindet uns mit einem Menschen, als nur die gemeinsame Staatsbürgerschaft? Diese ist eben nun mal immer noch der gemeinsame Bund von Menschen, die größte Einheit. Wir fühlen uns in erster Linie nicht als Weltbürger, als Europäer oder EU-Bürger, sondern immer noch als Deutsche. Wir alle müssen uns mit irgendetwas oder irgendjemanden identifizieren und mit anderen Deutschen haben wir zumindest noch Kultur, Sprache, Historie, Mentalität und gemeinsame Erfahrungen gemein.
Nein, das gilt für mich nicht. Mit den meisten Hirnis deutscher Zunge, habe ich nicht einmal die Sprache gemeinsam, geschweige denn die Mentalität (was ist das?) oder gar die Kultur. In allen Nationen, auch der deutschen, ist die Mehrheit der Menschen geschmack- und kulturlos und beherrscht ihre eigene Sprache nicht. Mich verbindet mehr mit einem französischen, englischen oder russischen Intellektuellen als mit einem deutschen Fußballfan. Meine Devise ist: Geistige und kulturelle Wahlverwandschaften, nicht "Blut"sbande und das Existieren auf gemeinsamem "Boden". Die "größte Einheit" ist übrigens die Welt oder das Universum, nicht die "Nation". Und ich habe mit keinem Menschen, mit dem ich zufällig und unfreiwillig auf dem gleichen Boden lebe und einen gemeinsamen Paß habe, einen "Bund" geschlossen - jedenfalls nicht, daß ich wüßte.
Wie verlogen der ganze Schwachsinn ist, sieht man schon an der affenartigen Geschwindigkeit, mit der aus dem Ausland stammende Spitzensportler, die den Medaillenspiegel verschönern könnten, eingebürgert werden - ganz im Gegensatz zu anderen Menschen. Wer fragt denn da nach gemeinsamer Sprache, Kultur, Historie und Mentalität? Dann entlarven sich diese ganzen Sprüche als Phrasen. Nicht, daß ich falsch verstanden werde - ich bin alles andere als ein Vertreter der "Nation" als Bluts- Boden- oder Schicksalsgemeinschaft. Ich will nur die systemimmanenten Brüche aufzeigen.
Zitat:Wenn jemand aber sagt, ihm ist es völlig gleichgültig ob Deutschland Fußball WM wird oder aber doch Italien, der Sudan oder Neu-Guinea helfen auch alle Argumente nicht mehr weiter. Vielleicht haben wir es dann tatsächlich mit einem perfekten Kosmopoliten zu tun?
So mag es sein. Argumente habe ich übrigens bisher nicht gesehen, nur Phrasen. Für patriotische und ähnliche Identifikationsmuster gibt es nämlich keine Argumente - wie bereits gesagt, geht es der Sache nach um nichts als Herdentrieb. Und Triebstrukturen sind argumentationsresistent und von Argumenten unabhängig.
Zitat:Es gibt kein besoffenes Wir Gefühl in Deutschland. Der Nationalismus ist in vielen anderen Ländern wesentlich mehr ausgeprägt, wird auch noch vom jeweiligen Staat nach Kräften gefördert. Wir dagegen getrauen uns erst seit kurzer Zeit überhaupt mal ein Fähnchen zu schwenken, oder uns zu diesem Land zu bekennen. Wer aber selbst gegen diesen Minimalkonsens von Bürgern votiert will wohl die multikulturelle Gesellschaft weiter forcieren? Wir leben in einer freien und offenen Gesellschaft und können auch über den Sport für diese werben.
Na klar will ich die multikulturelle Gesellschaft "weiter forcieren". Was denn sonst? Den deutschen Einheitsbrei? Und mir wird schlecht beim Hören von gegrölten Hymnen und beim Anblick von Winkelementschwenkern. Wie auch bereits gesagt, es ist eine Frage des guten oder schlechten Geschmacks. Daß es auch in anderen Ländern dieselben grausamen Herdenrituale gibt, tröstet mich nicht. Erstens soll jeder vor der eigenen Tür kehren und zweitens wäre mir der türkische oder kroatische Nationalismus wahrscheinlich am allerwiderlichsten, wenn ich Türke oder Kroate wäre. Da ich Deutscher bin, ist mir der neue ("unverkrampfte", heididei!) deutsche "Patriotismus" nun einmal besonders widerlich, weil er mir (räumlich, nicht geistig) besonders nahe kommt.
Zitat:Jedenfalls ist die Bildung einer Gemeinschaft nicht nur eine politische oder ideologische Angelegenheit, sie ist durch und durch evolutionär bedingt. Wir sollten uns doch freuen, daß es überhaupt möglich ist größere Gemeinschaften zu bilden, als nur die der Familie, der Sippe, oder des eigenen Stammes.
Meine Familienbindungen sind auch nicht per se besonders ausgeprägt. Meine Frau und ich haben uns einander ausgesucht, das entspricht meinem Wahlverwanschafts-Konzept. Und irgendein(e) bescheuerte® Onkel oder Cousine oder Großneffe steht mir auch nicht deswegen näher, weil wir "blutsverwandt" sind.
Zitat:Was haben Spannung, Dramatik oder gar Ästhetik mit der Nationalität des Sportlers zu tun? Wie bei Olympia wieder mal zu erkennen ist, die meisten Sportarten für sich genommen würden niemals die Aufmerksamkeit der Welt auf sich ziehen, es kämpfen aber auch Nationen gegeneinander mit denen sich der jeweilige Bürger identifizieren kann.
Warum ich mich mit "Nationen" nicht identifizieren kann und will, habe ich sattsam erläutert. Und wenn mich ein Sportereignis nicht per se interessiert, sondern nur durch patriotische Gefühlsaufladungen, dann kann man es sowieso vergessen. Dann ist es schlicht und einfach als solches nicht interessant genug. Wie ich am Beispiel des Schachs erläutert habe - es gab und gibt hochspannende Partien und den hochinteressanten Kampf zweier Charaktere, zweier intellektueller oder stilistischer Konzepte - aber was hat das alles mit "Nation" zu tun? Das Schachspiel fragt nicht danach, ob es von einem Deutschen, einem Russen, einem Kubaner, einem Mongolen oder einem Dänen gespielt wird. Und ich auch nicht.
Kosmopolitische, multikulturelle und antideutsche Grüße,
Thomas